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In der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover kommt es nur selten zu einer Auflösung eines Kirchenvorstandes. Vor zehn Jahren sei das einmal passiert, so der Oberlandeskirchenrat Jürgen Drechsler. Jetzt ist so etwas wieder im Gespräch. In Worpswede hat sich die Kirchengemeinde an der Jugendarbeit der Kirche entzweit. Es wird nun geprüft, ob der Worpsweder Kirchenvorstand durch den Kirchenkreisverband Osterholz Scharmbeck "mangels gedeihlichen Wirkens" aufgelöst werden soll.
Benjamin Bild hätte das wohl bedenken sollen: Gott hört alles, und der Kirchenvorstand in dem Künstlerdorf Worpswede bei Bremen hört alles mit. Dann hätte er vielleicht geflüstert als er mit seinen Eltern in einem Restaurant saß und seinem Ärger Luft machte. Es ging um die neue Diakonin im Jugendzentrum "Scheune" und die Gemeindeleitung. Aber er sprach laut genug und so wurde am Nebentisch alles protokolliert. Das Protokoll wurde sogleich dem Kirchenvorstand weitergeleitet. Der 19-Jährige arbeitete ehrenamtlich im Jugendtreff und war Ansprechpartner für viele Jugendliche. Im Januar wurde er von seinem Ehrenamt suspendiert. Seitdem eskaliert in Worpswede ein bizarrer Kirchenstreit. Es hagelte Leserbriefe in der Lokalzeitung mit dem hässlichen Wort "Stasimethoden". Auch Jochen Semken von der unabhängigen Wählergemeinschaft in Worpswede ist entsetzt über den Rauswurf von Benjamin Bild: "Wenn Pädagogik mit Denunziation stattfindet und mit Suspendierung von Jugendlichen und Ehrenamtlichen - da stelle ich als Gemeindemitglied die Frage, ob das die richtige Art und Weise ist damit umzugehen."
Diese Frage bleibt vorerst unbeantwortet, denn der Kirchenvorstand äußert sich nicht dazu. Dabei war einmal alles so schön, im Künstlerdorf Worpswede. Im Zentrum ein reetgedecktes Häuschen - das kirchliche Jugendzentrum, die "Scheune". Benjamin Meyer ein Freund von Benjamin Bild war dort schon als Jugendlicher. Jetzt leitet der 25-Jährige Jugendfreizeiten. "Vor einem Jahr habe ich damit eine tolle harmonische Arbeit verbunden - Familie, ein schönes Miteinander und eine Menge Spaß." Die Zeiten sind vorbei. Misstrauen, Mobbing, und Anschuldigungen prägen den Alltag in der Gemeinde. Der vom Dienst suspendierte Benjamin Bild beschwert sich, der Zwist lege die Jugendarbeit lahm, zum Beispiel die Lernlagune: "Da sollen die Jugendlichen eigentlich ihre Hausaufgaben machen, wenn sie mittags von der Schule kommen, aber jetzt kann man da nicht mehr 'rauf - die ist verstaubt, und da liegen die ganzen Sachen vom Umbau. Die Band hat seit zwei Monaten nicht mehr geprobt, das Theaterprojekt hat seit einem Monat keine Probe mehr gehabt. Die Mädchengruppe hat sich nicht mehr getroffen (...) so sieht man, wie das langsam an die Wand fährt."
Was ist da passiert? Vor einem Jahr ging die damalige Diakonin - kurzfristig. Bei der Wahl der Neuen fühlten sich die Jugendlichen übergangen. Es gab verpatzte Gespräche, Vorwürfe, Unterschriftensammlungen, im Ort hingen Transparente mit den Worten "Stillstand" und "Jugendarbeit wo bist du?". Der Streit schaukelte sich hoch - sehr hoch. Bürgermeister Stefan Schwenke fürchtet um den guten Ruf von Worpswede: "Dieser tiefe Streit betrübt mich sehr. (...) Er geht ja auch noch weit über die Jugendarbeit hinaus (...). Inzwischen ist es so, dass er sich auf die politische Gemeinde insgesamt auswirkt".
Ein tiefer Graben geht durch das Dorf. Die Fronten sind verhärtet, und eine christliche Versöhnung ist vorerst nicht in Sicht. Im Gegenteil: Jetzt hat sich die evangelische Landeskirche eingeschaltet und ein Verfahren gegen den Kirchenvorstand eingeleitet. Einer der Vorwürfe: Mobbing von Mitarbeitern. Der Vorstand selbst will aber nicht zurückweichen. Er hat Strafanzeige gegen die Landeskirche gestellt - wegen Verleumdung.
Evangelische und die Katholische Kirche mit Sonntagsgesprächen, Dem Wort zum Sonntag, Morgenandachten und Gottesdiensten in Hörfunk und Fernsehen des NDR.